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WARUM DIE WUNDE OFFEN BLEIBT
Marika Schmiedt, AT 2016, dt. OV, 80 min.

PREMIERE in Anwesenheit der Regisseurin
   

Marika Schmiedt untersucht und benennt die Wunde, versucht sie zu begreifen, greift hinein, zerrt und weitet sie. Das ist ein intensiver und schmerzhafter Prozess und der dabei entstandene Dokumentarfilm ist kein einfach zu konsumierender. Im Film wird viel gesprochen, nach 78 Minuten wird klar, dass auch über das „Unaussprechliche“ gesprochen werden kann und muss. Über Strukturen der Diskriminierung, der Gewalt und über Kontinuitäten. Marika Schmiedt und ihr Film sprechen sich allerdings gegen eine verharmlosende, oberflächliche Heilung aus, vielmehr werden Wege der Vertiefung und des Widerstands gezeigt.

 

„Warum die Wunde offen bleibt“ beschäftigt sich mit der Aufarbeitung des Holocausts an Roma und Sinti durch die sogenannte „2.“ und „3. Generation“. Die historischen Vertreibungen, Verfolgungen und Massenmorde werden thematisiert, auch persönlich durch das biografische Erzählen der Protagonistinnen. Dabei verdeutlicht gerade die Relation zu aktuellen Diskriminierungen und Verbrechen gegen Roma und Sinti die Notwendigkeit umfassender Auseinandersetzungen: geschichtlicher, familiärer, psychoanalytischer und nicht zuletzt die Dringlichkeit der politischen.

 

Im Mittelpunkt des Films stehen lange Interviews bzw. Gespräche mit drei beeindruckenden Frauen: Anna Gleirscher-Entner arbeitet seit vielen Jahren als psychosoziale Beraterin und hat ein Sachbuch mit dem Titel „Das Unaussprechliche in der psychosozialen Beratung von Sinti und Roma“ verfasst. Ihre wissenschaftliche Arbeit ist von ihrer Biografie - Gleirscher-Entner ist als elftes Kind in einer Sinti-Familie aufgewachsen - nicht trennbar. Die Erfahrungen, das Schweigen über den Holocaust, die Vertreibung und Ermordung von Familienmitgliedern, führten sie schlussendlich zu dem „Tabubruch“, öffentlich über kollektive und individuelle Traumata zu reden, zu publizieren.

 

Elisabeth Brainin, eine Psychiaterin und Psychoanalytikerin, berichtet über psychologische Hintergründe der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, die den Nationalsozialismus und seine Implikationen gerne als Schlussstrichthema betrachtet. Das Nicht-Anerkennen und das fehlende Bewusstsein über Roma und Sinti als Opfergruppe des NS-Regimes führen zu einer erneuten Viktimisierung. Genau dieser und ihren Mechanismen gilt es aber zu entkommen, vielleicht auch um (kämpferische, künstlerische, politische) Allianzen innerhalb einer heterogenen Gesellschaft auf gleichwertiger Ebene eingehen zu können.

 

Im Gespräch mit der Schriftstellerin und Aktivistin Simone Schönett erfahren wir vom Verdecken, Verstecken und von Assimilation. Die Schriftstellerin schreibt dagegen an, fühlt sich aber oft alleine mit ihrer Einstellung, dass man „die Hand, die füttert, auch beißen darf“. Auf die von diversen Klischees geprägten Romabilder fallen nämlich auch die offiziellen VertreterInnen herein, sie würden als „Vorzeigeroma“ mit diesen Klischees agieren und so eine fundierte und effiziente Romapolitik, die die Gesamtgesellschaft erreichen muss, verunmöglichen.

 

Marika Schmiedt macht die „offene Wunde“ auch als ihre persönliche begreifbar: Mit dem Beispiel der Ablehnung und Bekämpfung ihrer künstlerischen Interventionen gegen romafeindliche Politik. Die Zerstörung einer Plakatserie mit dem Titel „Die Gedanken sind frei. Angst ist Alltag für Roma in Europa.“ in Linz im Jahr 2013 könnte eigentlich als „gelungene“ Aktion, als deutlicher Angriff gegen die systemische Romaphobie in Politik und Verwaltung interpretiert werden. Da mussten sich die vermeintlich Stärkeren mit nahezu grotesken, weil übertriebenen Mitteln, wie mit Anzeigen wegen Verhetzung gegen eine Künstlerin und ihre künstlerische Freiheit, durch Vernichtung von Kunstwerken und Anprangerung in rechtsextremen und faschistischen Medien, wehren. Das macht die Machtverhältnisse mehr als deutlich, wobei insgesamt diese Vorkommnisse aber auch als Kontinuität von Rassismus und Gewalt gegen Roma verstanden werden müssen.
 

„Wir können gar nicht anders.“ Dieser Satz, dieses Motto für Aufarbeitung und Aktivismus wird im Film aufgrund von persönlicher Involviertheit und Familiengeschichte begründet. Dieses „wir“ könnte im Idealfall aber auch eine Allianz von Fragenden, immer weiter Forschenden und AktivistInnen sein, die allesamt wollen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Und dafür muss wohl die Wunde offen bleiben.


EVA SIMMLER

 

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TICKETS: 7,50€ Normalpreis / 6,50€ SchülerInnen, Studierende, Ö1 Club, Seniorinnen ab 65 / 5€ Kinder (bis 12 Jahre), Klubmitglieder

 

 

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