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VERLIEBT, VERZOPFT, VERWEGEN
Katharina Lampert/Cordula Thym, A 2009, 64 min.

REGIE, DREHBUCH, PRODUKTION, SCHNITT Katharina Lampert, Cordula Thym  KAMERA Leena Koppe  MUSIK Magdalena Grützbauch, Sara John  TON Cordula Thym  MIT Rosmarin Frauendorfer, Ursula Hacker, Birgit Meinhard-Schiebel sowie Brigitte Ehrenfreund, Denise Lister  Inszenierte Szenen Nic., Catherine Beyer, Steffi Dittrich, Alexandra Grass, Magdalena Grützbauch, Maria Hönlinger, Christine M. Klapeer, Karin Schönpflug, Claudia Wiesinger, Mia und Zora

 

Geschichten lesbischer (Un-)Sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre

 

 

Preise und Auszeichnungen:  
Publikumspreis „bester Dokumentarfilm“
 - identities 2009
Special Mention Jury Award Documentaries  - QueerLisboa13
2. Platz DOKULA  - Lesbisch Schwule Filmtage Hamburg 2009

 

Eine queere Doku aus Österreich (!)


Ganz schön grau und verzopft war die Bundeshauptstadt anno dazumal. Die Szene war - sofern es sie überhaupt gab - schwul. Besonders einladend wirkte der sogenannte Sub jedoch nicht: Im Falle der (nicht seltenen) Polizeirazzien mussten Lesben und Schwule schön gesittet an den Tischen sitzen - ganz `normal` und `unauffällig`. Lesbisches Leben fand im Privaten, Verborgenen statt. Bilder davon gibt es, im Gegensatz zu anderen Ländern, in Österreich nur sehr wenige. Diese visuelle Leerstelle existiert - mit einer Unterbrechung in den gut dokumentierten 1970er Jahren, in denen die Lesbenbewegung politisch wie medial durchaus präsent war - im Grunde bis heute. Obwohl „Lesben immer und überall sind“.

 

Erstmals füllt nun eine neue Doku diese Lücke: Katharina Lamperts und Cordula Thyms ambitioniertes Filmprojekt beschäftigt sich mit Lebensmodellen und Netzwerken lesbischer Frauen in Wien in den 1950ern und 60ern. Welche Gemeinschaften und Orte gab es, und wie öffentlich, d.h. zugänglich, waren diese für Interessierte? Wie organisierten sich Frauen, wie präsentierten sie sich nach außen? Und was bedeutete es zu jener Zeit, sich als lesbische Frau zu identifizieren? Informationen wie diese sind bis heute rar gesät und werden oft nur in mündlichen Erzählungen weitergegeben oder schwirren gerüchteweise durch die Geschichte.

 

Im Mittelpunkt von “verliebt, verzopft, verwegen“ stehen Interviews mit drei Zeitzeuginnen, die sich zu jener Zeit in der Szene bewegten und auf eloquente, unterhaltsame und erfrischend (selbst-)ironische Weise darüber berichten.

Rosmarin Frauendorfer, 1942 in Wien geboren und aufgewachsen, hatte ihr „langsames stotterndes Coming-out“ mit 24 in Deutschland. Bemüht, das Klischeebild vom `anderen Ufer` tunlichst zu vermeiden - will heißen wie ein `Mann` auszusehen -, trug Rosmarin „wohl ein bisserl viel Rüscherlbluserl“, obwohl sie „gar nicht der Typ dafür“ war.

Ursula Hacker, Jahrgang 1946 und im Gemeindebau in der Nähe des Karl-Marx-Hofs groß geworden, war schon als Schülerin in ihre Lehrerin verschossen. So richtig bewusst wurde Ursula ihr Lesbischsein aber erst nach dem ersten Kuss, der in der Lehrzeit passierte: „Mein erster Zungenkuss von einer Frau ... Schmetterlinge im Bauch, und das alles mit 14 und zu der damaligen Zeit!“

Auch die `Hetero-Vergangenheit` vieler Lesben ist in “verliebt, verzopft, verwegen“ Thema. So war etwa Birgit Meinhard-Schiebels Freund alles andere als beglückt, als der von ihm vorgeschlagene Besuch eines Schwulenlokals - er ahnte wohl schon, was Sache war - den ersten Kuss seiner Freundin mit einer Frau und mit ihrem Coming-out dann das Ende der Beziehung zur Folge hatte. Zuvor war man gemeinsam im Kino und hatte Infam gesehen, wo es bei Birgit, ebenfalls Jahrgang 1946, dann endlich klingelte ...

Die Bedeutung von `Lesbischsein` spielt in „verliebt, verzopft, verwegen“ für die Protagonistinnen damals wie heute eine zentrale Rolle. Viele wussten zu jener Zeit nicht, wohin mit ihren Verliebtheiten und Gefühlen. Ihnen war nur klar, dass sie `anders` waren als die Freundinnen und Frauen in ihrem Umfeld. Ähnlich wie in Greta Schillers Doku-Klassiker “Before Stonewall“ dreht sich daher vieles um die Relevanz, eine Bezeichnung für sich zu finden und (damit) ein Selbstbild zu entwickeln.

Bis heute fällt ein Outing, eine selbstverständliche öffentliche Existenz als Lesbe offensichtlich nicht leicht. Bei ihren Interviewanfragen erhielten die Filmemacherinnen zahlreiche Absagen. Dass es Lesben in Politik, Wirtschaft, Kultur, in Schulen gibt, ist eine Tatsache. Die Tendenz zur Unsichtbarmachung in der Gesellschaft jedoch auch - bis heute. „verliebt, verzopft, verwegen“ ist ein wichtiger Film, damit sich das endlich ändert. (Barbara Reumüller)

 


Katharina Lampert
Geboren 1976 in Wien. Studium der konzeptuellen Kunst an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Realisiert Einzel- und Gemeinschaftsprojekte im den Bereichen bildende Kunst und Film. „verliebt, verzopft, verwegen“ ist ihr erstes gemeinsames Projekt mit Cordula Thym.

Cordula Thym
Geboren 1977 und aufgewachsen in Tirol. Schnittstudium an der Filmakademie Wien, danach Arbeit als Schnittassistentin, Tonfrau und Cutterin. Außerdem Schlagzeugerin der Band `Dandies&Darlings`.
Filme (Auswahl): Beyond Borderline (2002, director), Echos (2006, Schnitt), Hana, dul, sed (2009, Ton, Tonschnitt).

 

 

Mehr zum Film: www.verliebtverzopft.at

 

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